© Mainpost 25.01.2008

Leitartikel: Seehofers Zickzackkurs

Das neue Gentechnikgesetz nützt Monsanto und Co.
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy ist aus einem anderen Holz geschnitzt als Horst Seehofer, der deutsche Landwirtschafts- und Verbraucherschutzminister. Als Beleg für diese These muss niemand die Affären Annette F. und Carla B. vergleichen oder die Frage stellen, woran es lag, dass der eine es an die Spitze des Staates schaffte, der andere nicht einmal an die Spitze der CSU. Da genügt ein Blick auf den Umgang mit der Gentechnik, insbesondere mit dem Genmais des US-Agrarkonzerns Monsanto.
Sarkozy hat den Anbau der Sorte Mon810 im Dezember gestoppt. Er trug ernsten Bedenken im Bericht einer Expertenkommission Rechnung. Darin heißt es, die Verbreitung gentechnisch veränderter Organismen könne mehr als 100 Kilometer betragen. Zudem sei die Genveränderung nicht nur gegen Parasiten wirksam, die bisher den Mais befallen, sondern gefährde auch andere Organismen und Lebewesen.
Seehofer hatte den Anbau von Mon810 zunächst unterbunden, dann aber gab er ihn – rechtzeitig zur Anbausaison 2008 – wieder frei, obwohl die Umweltrisiken die gleichen blieben. Jetzt folgt das veränderte Gentechnikgesetz. Es soll dem Anbau genmanipulierter Pflanzen Grenzen setzen. In Wirklichkeit setzt es erst die Rahmenbedingungen, die die Gentechnikindustrie braucht, um abschätzen zu können, ob sie auch Europas Bauern an ihr patentiertes Saatgut binden kann wie in den USA und Argentinien, wo fast nur noch Gen-Soja wächst.
Das Werben von Monsanto & Co. trägt auch in Unterfranken erste Früchte. Der Landkreis Kitzingen könnte bald zur Genmais-Region werden. Zwischen Steigerwald und Main sollen in wenigen Monaten 111 Hektar Mon810 wachsen. Das Standortregister des Landwirtschaftsministeriums listet bereits 26 Flächen auf.
Horst Seehofer hat auf die Situation reagiert, wie wir das von ihm kennen. Er wollte es allen Recht machen. Sein Zickzackkurs schlägt sich in widersprüchlichen Regelungen des Gesetzes nieder. So werden erstmals Sicherheitsabstände zu Feldern mit konventionellem und Öko-Anbau festgeschrieben. Die aber nicht zwingend sind, wenn sich der Gentechnik-Bauer mit seinem Nachbarn darauf einigt, dass es keiner Schutzmaßnahmen gegen Verunreinigung bedarf.
Landwirte, die weiterhin gentechnikfrei wirtschaften wollen, werden es künftig schwerer haben. Je dichter der Flickerlteppich aus Gen-Äckern wird, desto schneller werden sich die Pflanzen vermischen. Welche Auswirkungen das auf das Ökosystem und unsere Lebensmittel hat, auf Bienen und Honig beispielsweise, ist noch weitgehend unerforscht.
Die Große Koalition hat – wie bei den Energiepreisen – dem Verbraucherschutz keine große Bedeutung beigemessen. Resignieren müssen wir dennoch nicht. Landwirte können gentechnikfreie Regionen gründen, wie in der Rhön bereits geschehen. Verbraucher sollten sich nicht scheuen, den Konzernen die Rote Karte zu zeigen, indem sie künftig nach Produkten mit der Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ fragen. Das neue Label ist auch nach Meinung fast aller Kritiker Seehofers ein Fortschritt. Während die Verbraucher bei Milch, Fleisch und Eiern bisher im Dunkeln tappten, ob die Tiere gentechnisch verändertes Futter bekommen hatten, wird die neue Kennzeichnung endlich für Klarheit sorgen. Gut so, denn wir deutschen Konsumenten sind anspruchsvolle Wesen – wenn auch nicht immer in gleichem Maße wie die Landsleute von Nicolas Sarkozy.

Von Tilman Toepfer

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