© Mainpost 04.05.2003

Per Bubenstück zum Endlager

Grafenrheinfeld Hubert Lutz, Vorsitzender der BA-BI, strahlte mit der Sonne um die Wette: mit einer solchen Teilnehmerzahl, rund 1000, hatte er nicht gerechnet. Seit 1987, dem Jahr des Reaktorunglücks in Tschernobyl, habe es im Landkreis keine Anti-Atom-Demonstration in dieser Größenordnung gegeben.

    Viele Gemeinden waren mit eigenen kleinen Gruppen gemeinsam zur Auftaktkundgebung an der Altmainsporthalle marschiert. Die Bergrheinfelder wurden eskortiert von einer lautstarken Traktorparade, angeführt von einem "Castor-Transporter".
Unter dem Motto "Mit Bella woll'n sie uns beglücken, wir werden wütend vor Entzücken", eröffnete Hubert Lutz von der Bürgerinitiative BA-BI die Kundgebung. Professor Klaus Buchner, Atomphysiker der TU München, warnte eindringlich vor dem "überdimensionierten Zwischenlager". Mit den Worten "Seien Sie wachsam, wehren Sie sich gegen das Zwischenlager, es ist der Einstieg in eine neue Phase der Atomenergie", wandte er sich an die friedlichen Demonstranten. Obwohl bei Einhaltung des Ausstiegsabkommens aus der Atomenergie nur 20 Castorstellplätze benötigt würden, seien 88 Plätze geplant. Dies deute, so Buchner, entweder auf eine längere Laufzeit, eine Lagerung von anderen Kernkraftwerken oder aber auf die Lagerung von wieder aufbereitetem Plutonium hin. Plausibler sei für den Kernphysiker jedoch die Annahme, dass die Unionsparteien einen Ausbau der Atomkraftwerke plane, dabei sei Grafenrheinfeld eines der anvisierten Plätze für ein neues AKW.

Foto: FOTO SUSANNE MARQUARDT

Die gleichen Befürchtungen äußerte auch Dr. Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bund Naturschutz Bayern. Auch er warnte vor dem Zwischenlager, welches schließlich als Endlager verwendet werden könne. Eine Genehmigung des Lagers mit den sich daraus ergebenen Konsequenzen bezeichnete Weiger als "eines der größten Bubenstücke, die jemals gelaufen sind". So könne das genehmigte Zwischenlager als Entsorgungsnachweis für eine weitere Laufzeit des Kernkraftwerkes dienen und damit die Voraussetzung für einen unbegrenzten Weiterbetrieb bieten. Den Politikern sämtlicher Couleur warf Weiger vor, lediglich für ein bis zwei Jahre Verantwortung zu übernehmen, ansonsten aber eine "Verdummungs- und Ablenkungspolitik" zu betreiben. Als einzige sichere Alternative nannte Weiger die Solarenergie, die das Engagement aller Bürger, Gemeinden und Länder fordere. "Die Solarenergie sichert Arbeitsplätze und schafft Zukunft für Mensch und Umwelt", so der Vorsitzendes des Bund Naturschutz Bayern.
Die engagierten Reden der Auftaktkundgebung wurden mit musikalischen Klängen von der Schweinfurter Folkband Strunsfidel flankiert, die es sich nicht nehmen ließ, auch selbst Stellung zu beziehen. Eigens für die Kundgebung hatten sie ein irisches Lied einstudiert, welches bereits bei den Anti-Atomkraft-Veranstaltungen in den 70er Jahren auf der grünen Insel den Widerstand begleitet hatte.
Unter den Teilnehmern waren viele Familien mit Kindern, die gemeinsam den Weg vom Schulgelände zum Kernkraftwerk mit Kinder- oder Bollerwagen zurücklegten. Viele Kinder hatten es sich auch auf den Anhängern der Traktoren bequem gemacht. Schwarze Luftballons mit einem roten "X" marschierten an so mancher Kinderhand mit. Da traf der kernige Spruch von Initiator Hubert Lutz "Lieber Rafelder Eis, als Atommüll-Scheiß" auf offene Ohren und Münder.
Die Demonstration wurde im Grafenrheinfelder Ortskern teilweise von Anwohnern flankiert, verlief insgesamt sehr friedlich bei äußerst zurückhaltendem Polizei-Einsatz. Bei der Abschlusskundgebung vor dem AKW sprach Eduard Bernhard, Vorstandsmitglied und Energiereferent des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. Bernhard, auch mit 77 Jahren noch ein aktiver Kämpfer gegen die Atomkraft, äußerte sich gegen den "faulen Kompromiss des atomaren Konsensabkommens", welches Laufzeiten bis zu 30 Jahren und damit bis über das Jahr 2020 hinaus garantiere. Der Senior der Atomkraftgegner machte den Demonstranten Mut mit den Worten "Widerstand hat Sinn!" und forderte sie auf, sich weiterhin gegen den "lebensfeindlichen Atomstrom" zur Wehr zu setzen.
Von unserer Mitarbeiterin Susanne Marquardt

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