© Mainpost 16.09.2002

"Vorrang für Schutz der Bürger"

Demonstration für den sofortigen Atomausstieg

    Schon Tradition geworden ist die alljährliche Protestveranstaltung der Schweinfurter Atomkraftgegner im Spätsommer. "Was ändert sich, was bleibt gleich", fragte dann auch Pfarrer Frank Witzel vor rund 200 Zuhörern auf dem Postplatz. Witzel, einer der Hauptredner auf der von BA-BI, Bund Naturschutz, Greenpeace und anderen Umweltschutzorganisationen getragenen Demonstration, warnte vor Nostalgie und Gewöhnungseffekten auch in der Anti-Atom-Bewegung. Er erinnerte an den Schrecken von Tschernobyl, der von der Gesellschaft kulturell verdaut sei, ohne dass sich wirklich etwas an den Realitäten geändert habe.
FOTO LASZLO RUPPERT
Mit Atomstrom lasse sich eben weiterhin viel Geld verdienen, unabhängig von der moralischen Beurteilung dieser Energiequelle. Niemand bekenne sich schließlich offen zu der Castor-Verladung in Gochsheim, jeder sei dagegen, und doch finde sie statt, so der Dekanatsbeauftragte für Umweltfragen. Die eigentliche Frage sei die nach dem Primat der Politik. Wie könne die Wirtschaft überhaupt noch dazu bewogen werden, die Interessen der Bürger zu berücksichtigen, fragte der Theologe.
Witzel kritisierte die beiden "Atom-Ausstiegs-Gegner-Parteien" CDU/CSU und FDP. Während die einen ihre politische Rhetorik zum Anhängsel der Wirtschaftskräfte machten, hätten sich die anderen längst von ihren liberalen Traditionen verabschiedet und meinten mit Liberalismus nur die Freiheit des Geldes, nicht die Freiheit des Menschen. Witzel rief die Atomkraftgegner zu langem Atem und Nüchternheit auf, schnelle Erfolge seien rar.
Es gebe auch positive Signale. Organisationen wie attac, die sich gegen menschen- und schöpfungsfeindliche Ziele der Wirtschaft wenden, bekämen nun auch von unerwarteter Seite Hilfe. So etwa von Seiten der Weltbank, die seit kurzem schwere Fehler in der globalen Wirtschafts- und Umweltpolitik eingestehe. Diese Ehrlichkeit wünschte sich Witzel auch von den Energiekonzernen.
Den nachdenklichen Tönen Witzels folgte nach einem Protest-Umzug durch die Innenstadt die Rede von Sebastian Schönauer als Vertreter des  Bund Naturschutz. Er setzte teilweise andere Akzente. Nur ein sofortiges Abschalten aller AKW könne den bestmöglichen Schutz für die Bürger gewähren.
Den rot-grünen Atomkonsens kritisierte Schönauer, die in ihm festgelegte Zwischenlagerung auf dem Kraftwerks-Gelände verletze die Rechte der Anwohner auf körperliche Unversehrtheit. Dem Schutz der Bürger sei Vorrang zu geben vor den Interessen der Atomindustrie, so Schönauers Appell.

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